Archiv

Überblick über bisherige Veranstaltungen.

Wirtschaftsphilosophischer Club München
Werkstattgespräche Berlin
3. Juli 2014

La Douceur de Vivre – Neue Perspektiven für den Kapitalismus?

Einladung: Europa hat nur eine Zukunft, so eine These, mit der der italienische Philosoph Giorgio Agamben 2013 Furore machte, wenn es den Schatz seiner vielfältigen Lebenskulturen entfalten kann. Er beruft sich dabei auf ein Memorandum, das des französische Philosoph Alexandre Kojève bereits 1945, in einem Augenblick der Offenheit in Politik und Ökonomie, für Charles de Gaulle verfasst hatte. Kojève ging es darum, gegenüber dem Kapitalismus protestantisch angelsächsischer Prägung mit seinem Arbeitsethos und seiner Wachstumsideologie Alternativen in Erinnerung zu rufen, die in der europäischen Kultur tief verwurzelt sind. Agamben rückt nun unter den Bedingungen des heutigen globalen Kapitalismus’ Kojèves Idee einer Kultur der Zivilität in den Fokus, die ihre Energie vor allem aus der Tradition des „katholisch-lateinischen Imperiums“ und seiner „douceur de vivre“ bezieht. Katholische „Verschwendung“ à la Georges Bataille oder protestantischer Verzicht – wo liegen womöglich unausgeschöpfte Potenziale zur Lösung des Wachstumsdiktats im globalen demokratischen Kapitalismus?

Stefanie Greca: »Das Akkumulieren von Kapital könnte einem Sicherheitsgedanken untergeordnet sein.«
Raul Heimann: »Ja aber was soll denn gesichert werden? Das ›gute Leben‹, die Muße oder einfach nur das bloße Überleben?«
Reinhard Blomert: »Das Geld!« – Und alles lacht.
Wolfgang Schivelbusch: »Die Heilserwartung des calvinistischen Wirtschaftens ist doch der Eingang in die Ewigkeit.«
Herrmann Breulmann: »Was Trient übrigens bestritten hat. Es gibt keine letzte Sicherheit im Glauben.«

Danke: Nadima Alcheikho, Philosophie, TU Berlin. Bodo Baumunk, Volkskunde, Autor und Ausstellungskurator. Dr. habil. Reinhard Blomert, Ökonomie und Soziologie, Wissenschaftszentrum Berlin, Gastprofessor im In- und Ausland, Autor und Hg. von ‚Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft’. Pater Dr. Herrmann Breulmann, Theologie, Jesuitenorden Berlin. Dr. Wolf Dieter Enkelmann, Philosophie, Direktor für Forschung und Entwicklung im IfW, Gastprofessor HfG Karlsruhe und Autor. Dr. Raul Heimann, Philosophie, FU Berlin. Max Höfer, Politik und Ökonomie, Journalist – ehem. Leiter des Berliner Büros von Capital – und Autor. Katja Geis, Kunst, Malerin und Inhaber des Redaktionsbüro Geis. Stefanie Greca, Ökonomie, selbständige Unternehmens- und Organisationsberaterin. Dr. Bernd Krusche, Ökonomie und Ethnologie, Organisationsberater und Hg. des Magazins ‚Revue, Magazine for the Next Society’. Johannes von der Osten, Ökonomie, Investor, Manager und Unternehmensgründer. Florian Wüst, Kunst, Kurator für Filme u.a. zu Wirtschaftsthemen. Dr. Wolfgang Schivelbusch, Geschichte und Philosophie, vielfach preisgewürdigter Autor. Yannick Sonnenberg, Ökonomie, Start-up-Unternehmer und Unternehmensberater. Dr. Ingeborg Szöllösi, Philosophie, Redakteurin, Autorin, Lehrbeauftragte an der FU Berlin und Mitarbeiterin des IfW. Nika Wiedinger, Philosophie, Autorin, Kommunikation und Wissenstransfer im IfW. Und last but not least der namelose Flaneur.

Stefanie Greca: »Das Akkumulieren von Kapital könnte einem Sicherheitsgedanken untergeordnet sein.«
Raul Heimann: »Ja aber was soll denn gesichert werden? Das ›gute Leben‹, die Muße oder einfach nur das bloße Überleben?«
Reinhard Blomert: »Das Geld!« – Und alles lacht.
Wolfgang Schivelbusch: »Die Heilserwartung des calvinistischen Wirtschaftens ist doch der Eingang in die Ewigkeit.«
Herrmann Breulmann: »Was Trient übrigens bestritten hat. Es gibt keine letzte Sicherheit im Glauben.«

→ Auszug aus der Zeitschrift »agora42« (PDF)

Wirtschaftsphilosophischer Club München
Werkstattgespräche Berlin

Diese philosophische Reihe zur Wirtschaftskultur etabliert die öffentliche „Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Jeder darf seine Meinung mitbringen, keiner darf darauf beharren. – Damit aus Wissen etwas wird!

Kuratiert von Nika Wiedinger, Institut für Wirtschaftsgestaltung; in Kooperation mit philosophische Wirtschaftsmagazin agora42; Gastgeber ist die Galerina Steiner.

Eros, der Europäer

Einladung: Was eigentlich ist ein guter Europäer? Darauf gibt es viele Antworten, in Rom andere als in Paris, in Helsinki, in Warschau oder bei uns in Berlin. Wir meinen, die Antwort kann nur lauten: Er ist ein leidenschaftlicher Liebhaber des Eros, und zwar in jeder Beziehung: kulturell, politisch, ökonomisch und privat. Unsere These: Europa gründet in einer Freiheit des Begehrens, die einzigartig ist und im weltweiten Kulturvergleich ihresgleichen sucht. Das Spiel ist riskant. Glück und Unglück liegen da immer nahe beisammen. Nicht nur Georges Bataille weiß das Lied der „Tränen des Eros“ zu singen. Wo Gewinne locken, drohen auch Verluste. Aber wir bleiben dabei: Allein der erotische Exzess stiftet Welt. Wann begann dieses Spiel? Es war wohl der griechische Philosoph Platon, der als erster im Eros den Gott der Welt erkannte. Also nehmen wir einen Auszug aus seinem „Symposium“ als Grundlage – und diskutieren über die Dämonie dieses europäischen Zukunftsstifters.

Text: „Als des Poros und der Penia Sohn befindet sich Eros in solcherlei Umständen: Zuerst ist er immer arm und bei weitem nicht fein und schön, wie die meisten glauben. Vielmehr ist er rauh, unansehnlich, unbeschuht, ohne Behausung. Auf dem Boden immer umherliegend und unbedeckt schläft er vor den Türen und auf den Straßen im Freien. Der Natur seiner Mutter gemäß ist er immer der Dürftigkeit Genosse. Und nach seinem Vater wiederum stellt er dem Guten und Schönen nach, ist er tapfer, keck und rüstig, ein gewaltiger Jäger, allezeit irgendwelche Ränke schmiedend, nach Einsicht strebend, sinnreich sein ganzes Leben lang philosophierend, ein arger Zauberer, Giftmischer und Sophist und weder wie ein Unsterblicher geartet noch wie ein Sterblicher, bald an demselben Tage blühend und gedeihend, wenn es ihm gut geht, bald auch hinsterbend, doch aber wieder auflebend nach seines Vaters Natur. Was er sich aber schafft, geht ihm wieder fort, so dass Eros nie weder arm ist noch reich. Und auch zwischen Weisheit und Unverstand steht er immer in der Mitte. […] Kein Gott philosophiert und begehrt weise zu werden, sondern ist es, noch auch, wenn sonst jemand weise ist, philosophiert dieser.“ [Platon, Symposium, Das Gastmahl]

Dokumentation: Eros ist arm. Er begehrt es, reich zu werden, ist es aber nicht. So hat er, erfindungsreich wie er ist, die einzigartige Fähigkeit entwickelt, Armut in Reichtum zu verwandeln. Der Eros, so wie Sokrates ihn in Platons Symposium erzählt, ist ein Verwandlungskünstler. Schaut man von heute zurück in die seither beinahe 2500 jährige Geschichte Europas, spricht vieles für diese Charakterisierung: Drängte es uns nicht immer dann, wenn die Armut an Leib und Seele unerträglich wurde, zum Umsturz? Renaissancen, Reformationen und Revolutionen, all das hat die Welt über Europa kennen, fürchten und auch schätzen gelernt. Und ist nicht das Begehren nach einem guten Leben, wie es die Antike ins europäische Programm geschrieben hat, der ewige Jungbrunnen der europäischen Lebensweise? So plausibel das für den einen ist, so wenig naheliegend erscheint es dem anderen:

„Dieser Text, also ich habe da meine Zweifel, was davon z.B. ein anatolischer Bauer hält, der dort als Familienvater und Clanchef Verantwortung trägt... . Da ist ja solch eine Freigabe des Begehrens ausgesprochen. Da kann ja jeder alles begehren.“ „Wir brauchen gar nicht bis nach Anatolien zu gehen. Die Eigenheimbesitzer des schwäbischen Vorortes, in dem ich aufgewachsen bin, haben ähnliche Schwierigkeiten, in diesem heimatlosen Gesellen eine Verkörperung europäischer Tugenden zu sehen. Zumindest würden sie sich dann nicht mehr zu Europa zählen wollen.“

„Das zeigt, wie beunruhigend diese Freigabe des Begehrens ist. – Aber was würden Sie denn nun sagen: Gäbe es unser Europa heute eigentlich so, wie es uns gibt, wenn diese kleinbürgerliche Geisteshaltung tatsächlich regierend gewesen wäre?“

„Aber sie ist ja regierend! Es erscheint mir fast wie ein Prinzip, dass jede Kultur nach einem Kanon von Tugenden strebt. Nach einem gewissen Rahmen also, in dem sich gesellschaftliches und kulturelles Handeln artikuliert. Und der Eros erscheint mir da für dieses Ansinnen eine absolut zwielichtige, Misstrauen erregende Gestalt.“

Immer versucht Europa vernünftig zu sein. Immer wieder hat es sich aber, bevor alles einzuschlafen oder in pure Gemeinheit umzukippen drohte, mit großer Leidenschaft aus bleierner Ruhe wieder aufgeschreckt.

Georges Bataille, der das Erotische der Vernunft für unsere Zeit wiederentdeckt hat, sagt: Zu begehren heißt, das Leben herauszufordern. Er meint das ganz physisch und materiell. Es beginnt mit der einfachen Erkenntnis, dass zu überleben – auch das ist schon eine Form der Armut – noch nicht heißt, zu leben. Wie geht das gute Leben? Das ist die alte und ewig junge Frage von – Eros, der Europäer! [nw.]

Danke: Frank Augustin agora42 (Wirtschaftswissenschaftler), Bodo Baumunk Volkskundler, Wolfram Bernhard agora42 (Wirtschaftswissenschaftler), Prov. Ivan Boldyrev Humboldt Universität (Philosoph), Edwin Dickmann Künstler, Stefan Dömpke UNESCO (Ethnologe), Dr. Wolf Dieter Enkelmann IfW (Philosoph), Katja Geis Redaktionsbüro Geis (Künstlerin), Stefanie Greca Wirtschaftswissenschaftlerin, Wolfgang Heine Psychoanalytiker, Anna Kolod Künstlerin, Andreas Lang Fotograf, Martin Mallon Philosoph und Medienkünstler, Thilo Mössner Galerina Steiner (Fotograf), Dr. Ernst Schöttle Schering AG (eh. Vorstand), Dr. Ingeborg Szöllösi IfW (Philosophin), Nika Wiedinger IfW (Philosophin).

Versuch über die fluidale Vernunft

Lesung von Julia Böllhoff und Nicole Wiedinger
30. Juni 2012 · 20 Uhr 

Es hat etwas Sagenumwobenes, wie Susanne Themlitz ›Wesen‹ mitten in der Galerie ›Galerina Steiner‹ steht. Doch wer hat je zuvor von der kopflosen Frau in Gummistiefeln gehört? Ihre Geschichte, ihr Name sind unbekannt. – Gönnen wir uns das Experiment und nennen sie für diesen Abend Undine... .

Versuch über die fluidale Vernunft | Galerina Steiner

In einer halbstündigen Leseperformance stellen Julia Böllhoff und Nicole Wiedinger Texte, die von Paul Carter bis zu Ingeborg Bachmanns Undine reichen, vor und zur Diskussion. Sie lassen Susanne Themlitz Arbeiten im Kontext einer Kulturdebatte wahrnehmen, die brisanter kaum sein könnte:

Wasser erscheint heute nur als ›Ressource‹, nicht mehr als ›Source‹, als Quelle, denkbar, sagt der angelsächsische Architekt Paul Carter. Und in der Tat, im derzeit maßgeblichen Verständnis von Rationalität ist ganz selbstverständlich ein kapitalisierender Bezug zur Natur vorherrschend, der auf die Verfügbarkeit des Wassers als solchem wie seiner Bestandsmengen abzielt. Doch ohne Wasser vor allem auch als Produktivkraft wahrnehmen zu können, bleiben alle Forderungen nach Nachhaltigkeit ohne jegliche Bedeutung. – Die Zeit ist reif, das ›trockene Denken‹ durch ein ›fluidales Denken‹ abzulösen, fordert Carter.

Julia Böllhoff, Literaturwissenschaftlerin
Nicole Wiedinger, Kulturphilosophin, Institut für Wirtschaftsgestaltung

→ Text – Versuch über die fluidale Vernunft (PDF, 383,3 kB)
→ Internetseite